Dialogabend zur Schwammregion Vorderer Bayerischer Wald
Prof. Karl Auerswald: Einfach mal machen!
ILE-Region/Brennberg. Am Mittwoch, 1. Juli, lud die ILE Vorderer Bayerischer Wald zum „Dialogabend“ der Schwammregion ins Laumertal ein. Aufgrund des Klimawandels haben Dörfer und Städte zunehmend mit Starkregen, Fluten oder anhaltender Trockenheit zu kämpfen. Schwammregionen sollen das Regenwasser in Siedlungsbereichen und landwirtschaftlichen Flächen besser als bisher speichern und so klimafest werden. Wie dies in der Praxis gelingen kann, dazu tauschten sich verschiedene Experten im Beisein von Gemeinde-, Markt- und Stadträtinnen und -räten der 10 ILE-Kommunen aus.
Neben der Projektleiterin Tina Heigl, die den Abend moderierte, freute sich der neue Zweckverbandsvorsitzende Florian Obermeier über die Mitwirkung von Professor Karl Auerswald, der sich seit vielen Jahren wissenschaftlich mit dem Wasserrückhalt in der Fläche befasst und als Koryphäe auf diesem Gebiet gilt. Ebenso war Behördenleiter Kurt Hillinger vom Amt für Ländliche Entwicklung gekommen und Thomas Schwarz als Vertreter des Planungsbüros landimpuls, mit dem man konkrete Maßnahmen für die Schwammregion Vorderer Bayerischer Wald erarbeitet und umsetzen will. Der ILE-Dialogabend klärte über die Projektarbeit auf, wobei sich alle Redner einig waren, dass auch kleinere Maßnahmen sehr viel bewirken.
Vorsitzender betont die Bedeutung der Zusammenarbeit
Florian Obermeier, Vorsitzender des Zweckverbandes, betonte eingangs nochmals die Bedeutung der Integrierten Ländlichen Entwicklung (ILE) generell und im besonderen die Zusammenarbeit über Gemeinde- und Landkreisgrenzen. Durch den Zusammenschluss der zehn Kommunen erreichten die Mitglieder mehr, so Obermeier. In Bayern gibt es zehn Schwammregionen. In der Oberpfalz ist der Vorwald die einzige Schwammregion, ergänzte Wörths Bürgermeister Josef Schütz, der als stellvertretender Landrat betonte, dass man stolz und froh zugleich sei, sich für das Förderprogramm qualifizieren zu können. Bedeutsam sei das Förderprogramm auf vielfacher Ebene: „Sowohl in trockenen Bereichen, damit die Flächen mehr vernässt werden, und bei Regen, um Wasser zurückzuhalten“. Auch die frühere ILE-Vorsitzende und jetzige stellvertretende Landrätin Irmgard Sauerer war beim Dialogabend anwesend, wie viele Mitglieder der kommunalen Gremien. Eins machte die Projektleiterin Tina Heigl eingangs deutlich: Das Vorhaben könne nur gelingen, wenn die Einheimischen mitziehen!
Anerkennung und Aufgabe zugleich
Kurt Hillinger, Leiter des Amts für Ländliche Entwicklung Oberpfalz, hatte zu seinem Impulsreferat symbolisch einen Schwamm mitgebracht. „Ein Schwamm nimmt Flüssigkeit auf und gibt diese nur gezielt ab.“ Dabei spielte er auf das Programm „1.000 Moore“ an, das im Rahmen des Aktionsplans Natürlicher Klimaschutz (ANK) die Renaturierung besonders bedeutsamer Moorflächen die dauerhafte Wiedervernässung und die wirtschaftliche Transformation von land- und forstwirtschaftlich genutzten Moorböden unterstützt. „Moore halten Wasser wie ein Schwamm zurück, sind ein Hort der Artenvielfalt und speichern hohe Mengen an CO2.“ Die Auswirkungen des Klimawandels seien bereits zu spüren, sagte der Amtsleiter. Auf Hitze und Starkwetterereignisse müsse „klug, lokal und vernetzt“ reagiert werden. „Niemand kann diese Herkulesaufgabe einer klimaresistenten Anpassung alleine stemmen.“ Die Wahl der ILE-Region sei Anerkennung und Auftrag zugleich, da sie als Modell für Gebiete mit ähnlichen Problemen diene. Das Förderprogramm finanziere bis zu fünf Jahre 90 Prozent der Personalkosten der Umsetzungsbegleitung, so Hillinger. Er sei auf die Ergebnisse gespannt. Da große Maßnahmen oft lange dauern und viel Geld verschlingen, setze man hier auf viele kleinere, passgenaue Maßnahmen, wobei er auf ein Vorhaben in Erpfenzell verwies. Hier sei insbesondere der Austausch und die Einbeziehung der Bevölkerung enorm wichtig.
Koryphäe benennt Ursachen
Karl Auerswald, emeritierter Professor der TU München, argumentierte in seinem Vortrag „Acker, Asphalt, Atmosphäre – Hochwasserentstehung im ländlichen Raum“, dass Hochwasser und Hitze zusammenhängen und eine separate Behandlung ineffektiv sei. Anhand der Daten des Deutschen Wetterdienstes zeigte er auf, dass es im Juli vergangenen Jahres genauso heiß gewesen war, lediglich gab es mehr Niederschläge: „Das geht nicht weg und wird immer wiederkommen.“ Die eigentliche Herausforderung sei die räumliche Verteilung der Niederschlagsmengen, insbesondere für die Landwirte. Er kritisierte, dass oftmals nur der CO2-getriebene Klimawandel als Erklärung für Hochwasser herangezogen. Einen Einfluss habe jedoch auch die Landnutzung. „Die Versiegelung ist ein Problem des ländlichen Raums, nicht der Großstadt“, sagte Auerswald. Die ostbayerischen Gemeinden haben viel Platz und brauchen deshalb auch viele Straßen, um zusammenzukommen. Einen engen Bezug stellte der Referent auch zum Entwässerungsbau her, der nach seiner Sicht maßgeblich zur Überflutung in Dörfern, Städten und Siedlungen beiträgt. „Wir haben alle Wege so gebaut, dass sie auf direktem Weg in die nächste Ortschaft führen.“ Dabei liegen diese nicht auf Kuppen, wo sich das Wasser besser verteilt. Auch die Straßengräben führen direkt in die Zentren, oftmals noch in verlegten Rinnen mit glatter Oberfläche, wo das Wasser noch schneller fließt.
Jeder kann etwas tun
Die Zunahme an Erosionsflächen erkenne man insbesondere auf Luftaufnahmen. Die quantitative Veränderung zeige, dass sechs Prozent der Flächen versiegelt seien. Das hört sich auf den ersten Blick nicht viel an. Anders gerechnet sei aber damit jeder für 330 Quadratmeter zerstörten Bodens verantwortlich, präzisierte Auerswald. Jeder einzelne habe Möglichkeiten vor der eigenen Haustüre anzufangen: „Jede Zufahrt zur Garage ist versiegelt.“ Maßnahmen wie Schotterrasen oder begrünte Flächen helfen. Letztlich trage jeder Verantwortung für Versiegelung oder Verlust von Bodenfunktionen. Das Regenfallrohr in den Garten zu leiten und nicht in den Kanal, sei eine weitere Maßnahme. Auerswald warnte zudem vor Erosion durch große Maschinen und kritisierte die Einschätzung von Wetterereignissen als „extrem“ als Ausrede, um von den echten Fehler abzulenken. Das mache nämlich mutlos: „Man fühlt sich dem unvorstellbaren Ausmaß ausgeliefert. Kaum vorstellbar, dass wir Extreme meistern, wenn wir am Normalen scheitern.“ Er machte aber Mut, mit kleinen Dingen einfach anzufangen: „In Deutschland müsse immer alles perfekt sein. Aber wenn man mit diesem Ansatz startet, scheitert man immer! Also einfach mal machen. Wenn das Ergebnis gut ist, kommen auch die letzten Zweifler von selbst!“
Große Bereitschaft gespürt
Thomas Schwarz, Geschäftsführer des Planungsbüros landimpuls, zeigte auf, mit welchen Maßnahmen die Region „zukunftssicher“ aufgestellt werden kann. Er widmete sich der Freiraumplanung und Projekten zum Ressourcenschutz. Für die Beratung der Landwirte, beispielsweise zum Zwischenfruchtanbau, wolle man auch eng mit den Ämtern zusammenarbeiten. Wichtig sei, individuell auf den einzelnen Betrieb einzugehen. Nicht jede Maßnahme hilft jedem. Da muss man genau hinschauen!“ Zur Verringerung der Bodenversiegelung könne jeder im eigenen Garten beitragen und auch die Kommunen ihren Anteil leisten. Das Ziel der Schwammregion seien nicht Einzelmaßnahmen, sondern ein Konzept für die gesamte Region, das dann auch umgesetzt wird. Er nannte einige Beispiele für gelungene Renaturierungen aber auch kleine Umbauten mit wenig finanziellem Aufwand, die in der Region bereits umgesetzt wurden. Vorteilhaft sind Vorhaben, die schnell und ohne aufwändiges Wasserrechtsverfahren durchgeführt werden können, natürlich immer in enger Absprache mit den Behörden. Schwammregion-Managerin Tina Heigl lobte die Offenheit der Menschen, die sie bei ersten Begegnungen bereits erfahren habe. Dies bestätigte auch Thomas Schwarz: „Ich habe bei Bürgermeistern, Baumitarbeitern und Gemeinderäten gespürt, da ist ein großer Wille da!“
Praxisreihe folgt
ILE-Vorsitzender Obermeier appellierte abschließend: „Es wird nicht einfach werden. Es muss uns aber gelingen, dass alle mitziehen, auch wenn es für den Einzelnen den großen Vorteil bringt.“ Neben einer gemeinsamen Abschlussrunde aller Redner gab es auch einen breiten Austausch mit dem Publikum. Hierbei wünschte sich eine Teilnehmerin ein klares Bekenntnis der Kommunen gegen Steinwüsten in Neubaugebieten. Florian Obermeier betonte dazu, dass die Veranstaltung als Auftakt gesehen werden soll. Zukünftig stehen Vortragsreihen für Landwirte und Privatpersonen auf dem Programm: „Von Kindergärten, über Schulen bis zum hohen Alter wollen wir in der ILE-Schwammregion Aktionen zur Informationsvermittlung anbieten.“ Heigl kündigte hierzu schon eine Reihe „Schwammregion vor Ort – zu Gast bei…“ an, die bei einem Wörther Gärtner zur klimaresilienten Gartenbepflanzung noch Ende Juli startet.

Kontakt:
Schwammregion Projektmanagerin Tina Heigl
tina.heigl@ile-vbw.de
Tel. 0175 4441142









